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12.11.2024

Herbert Maurer/ LITERATUR IN DER KÄLTE/Die armenischen Autoren Arpi Voskanian und Hambartsoum Hambartsoumian

2009 

LITERATUR IN DER KÄLTE


Die armenischen Autoren Arpi Voskanian und Hambartsoum Hambartsoumian





Yerevan im Spätherbst. Die Hauptstadt Armeniens liegt zwar auf 1200 Meter eine kaukasischen Hochebene im Schatten des Ararat, doch der Frost ist noch nicht eingezogen. Frostig ist vielmehr das politische Klima im Land. Davon bekommen zwar die BMW- und Porsche-Fahrer im Zentrum nichts mit (kaum eine Stadt der ehemaligen Sowjetunion kann eine derartige Dichte solcher Karossen vorweisen), sehr wohl aber die Kulturschaffenden, die Schauspieler und Schriftsteller. Auch im späten goldenen Herbst des Landes bleibt es kalt. Arpi Voskanian und Hambartsoum Hambartsoumian, sie gehören zur jüngsten Generation der armenischen Literatur, versuchen einen Paarlauf im Frost, mit Engagement und ohne Sentimentalität. Sie, Jahrgang 1978, hat schon als Teenager bei Lesungen Aufsehen erregt, er, geboren 1984, ist als Journalist und Autor an der vordersten Front derer, die sich in der armenischen Öffentlichkeit kein Blatt vor den Mund nehmen. „Als Schriftsteller kann man kaum leben, doch sie trachten einem nach dem Leben“, sagt er schlicht und ohne Pathos. Die Demokratie im Land ist nämlich relativ, vieles von dem, was von Touristikern und ihren Verwandten, den Politikern, als Kulturnation verkauft wird, ist Camouflage. Pressefreiheit ist nur bedingt vorhanden, seit dem 1. März 2008, dem letzten großen Aufbegehren der Zivilgesellschaft gegen ein korruptes politisches System mit 10 Toten und hunderten Verletzten nach den problematischen Parlamentswahlen ist immer noch ein Dutzend Intellektueller in Haft. Dass Arpi und Hambartsoum nicht dazu gehören, ist Zufall, vielleicht wäre auch der Aufschrei in den letzten unabhängigen Zeitungen zu groß gewesen. Ich habe die beiden vor beinahe zwei Jahren kennen gelernt, bei der Vorbereitung der ersten Anthologie neuer armenischer Literatur in deutscher Sprache. Lojze Wieser und Kulturkontakt Austria waren mutig genug, dieses Unternehmen zu unterstützen, und es hat sich gelohnt. Die beiden – Arpi und Hambartsoum - gehören zu einer kleinen Gruppe unbeugsamer Autoren, Nachdenker und Aufreger, die sich mit dem zunehmenden Analphabetismus nicht abfinden wollen. Eine Entwicklung, die ja auch vor Österreich nicht halt macht, in einer prekären Gesellschaft wie der armenischen aber viel schlimmere Folgen zeitigt. Vor fast zwei Jahrzehnten, während meiner zahllosen Taxifahrten in Yerevan (damals war die Armut vielleicht noch bitterer als heute), waren Gespräche über Literatur selbstverständlich, und wenn der Taxifahrer noch so einfach gestrickt war. Heute werden nicht einmal mehr Zeitungen gelesen. Junge Autoren brauchen einen langen Atem, um dennoch weiter zu tun. Denn auch die Verlagslandschaft ist für unsere Verhältnisse ein Desaster. Die wenigen Verlage, die es noch gibt, drucken nur noch nach Vorleistung der Autoren, die Bücher verkauft man sich dann selbst, bestenfalls in Kommission, sonst auf der Straße oder unter der Hand. „In Zeiten der zunehmenden Sprachlosigkeit müssen wir den Menschen jedoch ihre Sprache bewahren, müssen im Namen der Schweigenden sprechen“, meint Hambartsoumian. „Alle Generationen vor uns haben das Lesen und die Literatur geliebt. Wir machen weiter, um im Kopf frei zu sein und frei zu bleiben“, ergänzt Arpi Voskanian. Da werden Erinnerungen wach an Truffauts „Fahrenheit 451“ und die Menschen am Ende der Bahngleise im Herbstwald – doch im armenischen Spätherbst ist es noch merklich kälter.


Herbert Maurer

2009

01.03.2023

The Lord’s Prayer



We were orphaned. We were wet, huddled, hungry, and barefoot. We were blind, scared and torn…

We squeezed each other’s hands with sweaty palms. With sweaty palms we covered our red eyes. The rain flew into our nostrils. Our hands and our feet fell off. We writhed and looked for them with red eyes. 

Come, be our sister in the desolate night. Come, be our mother. Open your body cavities and take in our insatiable, inexhaustible, eternal yearning. 

Come, see the horses trample us. Come, see the demons defecate on us. Come, see, the dog is sleeping… Give a breath… 

Remember us, come and finish with this inferior world. 

THE WORD



I plucked the word from the fissures of language, brought it over and planted it in my garden, watered it, weeded it out, made it porous, until the word sprouted, blossomed and filled my garden with its fragrance. People came, were thrilled, got a whiff of it, breathed on it, played “loves me, loves me not,” plucked the petals, wiped their noses, shined their shoes, and left. Bent down, banged around, bloodsoaked and near-death, I plucked the word from my garden, put it under the glass, and hooked up the IV to it. People came, tried to smell it, were unable to, wanted to touch but couldn’t. And the word stayed a long time under the glass, captivating the hearts of people with its dead-like beauty. Dried from the longing for love and life, pale, I took out the fragile word from under the glass, anointed it with fragrant oils, polished the nails, combed the hair, put a short skirt and fish-net stockings on her, and placed her on Baghramian Boulevard. 

SOWJETUNION – SO SCHÖN !

 

Ich fuhr vom Sommerurlaub nach Hause zurück, erholt und müde von der Erholung. Der Autobus war gelb, alt,
ein quietschendes Etwas, ein alte Kiste, wie sie in den Dörfern noch unterwegs waren. Auch an den Gesichtern, den Kleidern und dem Gepäck der Menschen konnte man erkennen, dass der Autobus aus den Dörfern war, nicht zuletzt auch wegen der Hühner, Truthähne, Schweine und Schafe, die da und dort Lärm machten und zappelten. Sitzplatz gab es keinen, doch die Leute stiegen immer noch ein, richteten sich’s auf den Kartoffelsäcken ein und schoben volle Eierkartons, mit Milch und Joghurt gefüllte Cola-Flaschen, Säcke mit Käse, aus denen die Salzlake tropfte, unter die Beine der Sitzenden. Über dem Führerhaus prangte noch irgendwie das Hinweisschild „Der Fahrer passt auf“, das im Laufe der Jahre ziemlich vergilbt war und an ein Relikt aus dem Mittelalter erinnerte. Der Fahrer machte seinerseits keine Anstalten „aufzupassen“, der Willkür einen Riegel vor zu schieben. Mittlerweile gab es nicht einmal mehr einen Stehplatz und die Leute drängten immer noch in den Bus, stiegen einander auf die Füße, schoben und stießen. Erst als der Autobus schon völlig überladen war und sich niemand mehr bewegen konnte, beugte sich der Fahrer aus seinem Verschlag, schaute zurück und schrie: „Vorwärts, vorwärts“. Weil es aber keinen Platz mehr gab, um vorwärts zu gehen und die Leute vor der Tür sich einfach nicht mehr hineinquetschen konnten, fand der Fahrer zu seinem sowjetischen Ordnungssinn zurück und herrschte die übereinander und durcheinander Sitzenden und Stehenden an, sie möchten sich doch „platzieren“. Einige versuchten noch, durch die Fenster hinein zu klettern, weil an der Tür keine Hoffnung mehr war, aber das gelang nur wenigen, offenbar denen, die da schon geübt waren.

08.06.2019

Arpi Voskanian/ Alltag beim Schreiben

Unerreichbar

Ich faltete die Lippen, gab sie in die Tasche,
Den Glanz der Augen ebenso,
Ließ meine Brüste schrumpfen,
Nahm meine Augen raus und schnitt die Zunge ab,
Damit man mich nicht reizt, und ich nicht reize,
damit ich euch nicht sehe, ihr mich vergesst,
mich nicht berührt mit öligem Mund,
nicht knetet mit schweißigen Händen,
nicht halbtote Blumen schenkt …
Jetzt fürchte ich mich nicht vor den Falten,
in der Liste unbezahlbarer Schätze bin ich nicht,
hab mich herausgenommen aus der Schauvitrine,
wo ich schwirrte, hoch und bunt
wie ein giftiger Schmetterling.

02.06.2019

The Lord’s Prayer


We were orphaned. We were wet, huddled, hungry, and barefoot. We were blind, scared and torn…
We squeezed each other’s hands with sweaty palms. With sweaty palms we covered our red eyes. The rain flew into our nostrils. Our hands and our feet fell off. We writhed and looked for them with red eyes.
Come, be our sister in the desolate night. Come, be our mother. Open your body cavities and take in our insatiable, inexhaustible, eternal yearning.
Come, see the horses trample us. Come, see the demons defecate on us. Come, see, the dog is sleeping… Give a breath…
Remember us, come and finish with this inferior world.
We looked for him everywhere, though we knew exactly where he is. We knocked at doors and windows, wandered through churches, studios, concert halls, cafes, public conveniences…
Then we allegedly occasionally entered a grocery store and saw him on the third, fourth shelves, somewhere in the high… Somewhere highest…
We didn’t notice him at once, though… Yet you were hidden from us behind some colorful crap and there was gewgaw label stuck on you. But we recognized you at once. With your pure, incorrupt transparence you were different, high… Existent and non-existent…
We looked at you for a long-long time, charmed, struck dumb. Then we turned our holed pockets inside out and bought you.
Like a sister you scraped off demons’ defecations from our bodies, you washed us like a mother, patched up our wounds, pasted our fell-off feet and hands, gave light to our pupils, blew breath into our nostrils and filled our trampled cavities with eternal oblivion.
Our Father, who ar in bottle…
When we woke up he had ascended to heaven, leaving on the table his shaky glass body. And we were orphaned and torn again. Cold, alien, slippery rain flew into our nostrils. We crept under heavy ground and spat blood. We were covering our red eyes with sweaty palms. Our hands and our feet fell off and we, fallen away, looked for them.
Then we picked up last words to please, persuade, pay a compliment, profess love to and flatter the hideous shop girl. We exhausted all the known ways of vows, invented new ones, promised to pay off your buy-out in a week, in two days, tomorrow, in an hour. Then we killed him and saved you.
We saved you from this gewgaw, motley, cornball world. We saved you to love, kiss, caress, and shack up, and to get pregnant. We saved you to put you on our heads, knee before you, worship you and beg for salvation…
Be like a sister and a mother. Scrape the demon’s defecations from our collapsing bodies. Patch up our tormented wounds. Blow some breath into our decaying bodies. Fill our cold, alien, slippery cavities with eternal transparence…
Our Father, who art in bottle… Create me again.

2000
Translated by Eva Martirosyan

A MONSTROUS STORY


First I lay with the monster, because my Dad picked up a flower from his garden. It would never occur to me then that I might love him, let alone that he might be a charmed man. And before I managed to get into love properly, he, with his spine curved, skull big, brain unfolded, covered his private parts and ran away.
Second time I laid with the monster, because my heart demanded a kind act. He was so outcast, lonely and unloved, and I thought what the big deal is, I already have the experience of monster love. How would I know that…? It was a charmed raven, once we got into bed, it flapped wings and flew away.

25.05.2019

Mi alma enferma dentro del cuerpo enfermo

Mi alma enferma dentro del cuerpo enfermo
vive de alquiler
de algún modo, así, a duras penas,
bajo la amenaza de ser expulsada
evitando los reclamos del dueño de casa
y esperando con impaciencia su visita,
mi alma enferma dentro del cuerpo enfermo
se porta como si fuera inquilina:
clava clavos en las paredes,
hace ruido, arma escándalos,
anda por las cortinas,
araña los muebles,
mi alma enferma
dentro del cuerpo enfermo,
recibe los aspectos y dimensiones justas
del alma mía,
yo soy generosa y tolerante:
no me resulta fácil encontrar mi lugar en el mundo
y la posición cómoda sobre el sofá,
algo en algún lugar me duele –
mi alma enferma dentro de mi cuerpo enfermo,
se encerró por horror a encontrar al propietario,
espera la visita inesperada –
soñando con ser echada de la casa en ruinas;
hace tiempo necesita una refacción general
agotada por sus propias garras;
cansado, arruinado cuerpo éste
quiero devolverlo a alguien, como, por ejemplo,
a la madre tierra.

26.03.2017

Arpi Voskanyan / Death of the Author





Become an Architect

It is already three days that I am waking up ashamed and happy,
like a married woman,
who in her dream has fallen in love with a man
and thinks about him all day
and does not know how to look at her husband
whom she loves and respects
and has no intention of leaving...